Exotische Blüte — politischer Farbklecks

Auftrittsverbot für Franz Xaver Kroetz an der Münchner LMU (SWF 1978)

Anmoderation — «Redakteurin am Mikrophon ist Friederike Fecht»

In der bundesdeutschen Kulturlandschaft hat mal wieder einmal einer, der dort qua Amtes das Sagen hat, eine Entscheidung getroffen, zu der anderen, nicht unmittelbar Betroffene, das Wort Zensur oder Reglementierung der Meinungsbildung einfällt.

Die Fakten sind bekannt: Der Schriftsteller Franz Xaver Kroetz hatte eine Einladung bekommen, im Germanistischen Seminar der Universität München zum Thema
Realismus in der Literatur zu sprechen — was offenbar, für sich genommen, noch nichts Böses ist, obwohl Kroetz der DKP angehört und seine Theaterstücke mit seiner politischen Überzeugung auch durchaus zu tun haben. Schlimmer aber scheint es, daß die Einladung vom marxistischen Studentenbund Spartacus ausgesprochen worden ist. Und also verweigerte der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München, Nikolaus Lobkowicz, seine Zustimmung zu dieser Veranstaltung.

Diese Entscheidung, als Einzelfall genommen, könnte als Kuriosum genommen werden, wie es in der dörflichsten Großstadt der Bundesrepublik vorkommen kann. Aber ganz so harmlos idyllisch erscheint dieses Ereignis nicht mehr, wenn man den Kontext in der Bundesrepublik und in der Münchner Hochschule sieht. Der Verband Deutscher Schriftsteller ist zur Zeit dabei zusammen mit anderen Betroffenen wie den Bibliothekaren und den Übersetzern, eine Kommission zu gründen, die politisch motivierten Behinderungen von Schriftstellern und Lesern untersuchen wird. Der Fall Kroetz, wie es inzwischen heißt, wird sicherlich einer der Fälle sein, die sich in den Veröffentlichungen dieser Kommission finden. Und zum anderen sehen Münchner Hochschulangehörige die jüngste Entscheidung des Uni-Präsidenten im Zusammenhang mit anderen Vorkommnissen an der Uni. Zu diesem hochschulpolitischen Aspekt hören Sie heute einen Kommentar in der Sendung.

Weitere Themen sind dann heute: ein neuer Film von John Micklin Silver, der jetzt in den Kinos anläuft, mit dem Titel
Zwischen den Zeilen; eine Ausstellung in Münster, die Jochen Gerz unter dem Titel Das Lächeln Mona Elz bleibt unerwidert eingerichtet hat, und schließlich der Bericht über eine Tagung zur Problematik der Wiedereingliederung autistischer Kinder.

Nun aber zunächst zu der Münchner Farce um den Schriftsteller Franz Xaver Kroetz. Soviel noch zur Vorinformation: Donnerstag abends trafen sich im Foyer des Germanistischen Instituts etwa 200 bis 300 junge Leute, die Kroetz gerne zuhörten wollten. Der Autor erschien auch. Aber die ganze Versammlung wurde von Ordnungskräften der Universität des Hauses verwiesen.
Hier nun also ein Kommentar von Detlef Bluemler:


Daß diese Veranstaltung nicht zustande kam — vom Rektor der Münchner alma mater, Nikolaus Lobkowicz verboten und dieses Verbot bestätigt durch die 3. Kammer des Verwaltungsgerichts, die einen Antrag des Spartakus auf eine einstweilige Anordnung ablehnte mit der betont unpolitischen Begründung, das Thema Realismus in der Literatur sei kein eigentlich studentisches Anliegen, auch nicht für Germanistik-Studenten —, daß also diese Veranstaltung nicht stattfinden konnte, das hat seine Ursache in einem Erlaß des bayerischen Kulturministeriums, dem sogenannten Raumvergabe-Erlaß. Dieser Erlaß besagt, daß Universitätsräume nur an Veranstaltungen der Hochschule vergeben werden dürfen. Und da Franz Xaver Kroetz, wie es in den Ablehnungsbescheid weiter heißt, kein verbeamteter Hochschulprofessor sei, denn solchen müsse ein Vorlesungsstoff wie Realismus in der Literatur vorbehalten bleiben, dashalb ist das keine Veranstaltung der Hochschule.

Verständlich. Nur: Es macht staunen, daß Uni-Rektor Lobkowicz dem Dramatiker Kroetz, nachdem er ihn ausgeladen, ihn dann sogleich wieder eingeladen hatte, doch in den Räumen der Universität zu lesen. In seinem Brief an Kroetz formuliert er das so:

«Obwohl ich Ihre literarische Bedeutung nicht so hoch einschätze wie Sie es offenbar selbst tun, hätte ich keinen Augenblick lang gezögert, eine Veranstaltung, in welcher Sie auftreten, zu genehmigen, wenn eine andere Gruppe als der Spartakus den Antrag gestellt hätte.»

Der unbedeutende Kroetz, dessen Stücke in über 30 Ländern der Welt gelesen und angeschaut werden, lehnte dieses freundliche Ansinnen ab und schrieb Lobkowicz unten anderem: Der Spartakus sei derzeit im erbärmlichen politischen Klima der Ludwig-Maximilians-Universität vermutlich noch die einzige Kraft, die es wage, einen Franz Xaver Kroetz einzuladen.

Daß der Verband Deutscher Schriftsteller gegen diesen durchaus politischen Akt protesierte, ist wohl logisch und sei deshalb hier nur am Rande erwähnt. Ungleich erwähnenswerter ist es, daß das politische Klima an der Münchner Universität in der Tat erbärmlich ist; erbärmlich vor allem deshalb, da, beispielsweise, die Summe der Geldstrafen, die wegen Hausfriedensbruchs über Studenten verhängt wurden, die an nicht genehmigten Vollversammlungen teilnahmen, sich mittlerweile auf 50.000 Mark beläuft. Die Vertreterin der Studenten im Senat, Elfi Jäger, wurde alleine zu einer Geldstrafe von 2.250 Mark verurteilt. Der Staatsanwaltschaft ist das noch zu wenig; sie legte deshalb Berufung ein. Der Vorgänger von Elfi Jäger, Michael Held, bekam als Strafe 500 Mark — und vier Monate Gefängnis. In einer beispiellosen Aktion setzte Lobkowicz am 19. Mai dieses Jahres 600 Polizisten auf 500 Studenten an, die sich im Hörsaal 331 zu einer Vollversammlung zusammengefunden hatten. Alle wurden erkennungsdienstlich behandelt. Da nimmt sich der Fall des Klaus U. Schmidt, der inmitten von Examensvorbereitungen relegiert wurde, fast harmlos aus. Schmidts Protest hatte zwar Erfolg, er studiert wieder, aber diese Zwangsexmatrikulation sind keine Seltenheit an Münchens Universität — und nahezu alle wegen der Teilnahme an Veranstaltungen, die von Lobkowicz verboten wurden, entgegen eines Urteils des Verwaltungsgerichts, das die Raumverbote, vor allem gegen linke Studentengruppen ausgesprochen, als rechtswidrig bezeichnet.

Bleibt anzumerken, daß Veranstaltungen wie die verbotene Lesung von Franz Xaver Kroetz von einer Studentengruppe veranstaltet wurde, die keineswegs verboten ist. In der Tat ist es eine der politisch links orientierten Gruppierungen, die Universitätsrektor Nikolaus Lobkowicz selbst einmal als lediglich politischen Farbklecks bezeichnete. Der Fall Kroetz, so hanebüchen er ist, ist angesichts der politischen Monokultur an der Münchner Universität dann schon wieder eine exotische Blüte — eben ein Farbklecks.


Südwestfunk Baden-Baden, Kultur aktuell, 19.30 – 20.00, ?? November 1978; Abschrift der Tonband-Aufzeichnung
 
Do, 10.12.2009 |  link | (1802) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Alter Wein






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