Poesie liebt Mimikry

Die Blüten des Schönen

Über Johannes Muggenthaler

Viel fehlte nicht, und der Autor folgender Nach-Denkung fiele wegen seiner Neigung aus dem Fenster zum Weitblick: Hans Blumenbergs poetische Philosophie-Denkzettel von der Verführbarkeit des Philosophen zum Cicerone der Muggenthalerschen Kunst-Poesie-Kunst zu erklären. «Was [...] Meister herausfordert, logische Verborgenheit in optische Präsenz zu steigern. Anders ausgedrückt: Das für eine Geschichte Bedeutungslose erhält die Auszeichnung optischer Bedeutsamkeit.»1 Wären da als Handbücher nicht auch Muggenthalers eigene Schriften, er stürzte — den Leser ins Mikrokosmische. Gleichwohl: seit es Computer gibt, wissen wir, wie weit die Welt wird; und die Wissenschaft lehrt uns, daß in jedem noch so winzigen Etwas das Unendliche enthalten ist.

Zwar liegen da Worte vor, die hermetisch wirken. Doch das Kryptische wirkt bei Muggenthalers Kunst-Poesie zigtausende Hertz-Takte entfernt von der banalen Unverständlichkeit neumedialer Nutz-Leid-Faden. Aber fordert er nicht etwa schreibend wie bildend eine Rück-, sozusagen eine ‹Heim›-Kehr in eine (Bild-)Sprache ein, die in einem quasi-theologischen2 Ursprung romantisch gegen die Aufklärung zielt?3 Auch könnte der Verdacht naheliegen, er ebnete einer fehlgeleiteten Erinnerung einen Pfad nach Arkadien — würde nicht der Blick zwischen die (Bild-)Zeilen auf-klaren, wie abgefeimt diese Anrufung des Paradieses ist. So bildet sich hier schon eher ein Novalis des Auges seine Fluchten von Neuropa nach Eumeswil.4

«In kantig aneinander gesetzten Bildern und kraftvoll gefugter Handlung macht Muggenthaler den Reichtum im Widerspiel von Kultur und Natur sichtbar: Schicht um Schicht überlagern sich Macht des Wetters und Sturm des Gefühls, Labyrinth des Waldes und Irrgarten der Stadt, Tempel und Kerker, Paradies und Welt, Kunst des Erzählens und blütenreiches Wachstum der Fantasie — [...] eine doppelbödige Magie, in deren Bann der Leser selbst sich in der schimmernden Bedeutungsvielfalt der Texte glücklich verirrt.»5

Wie man sich glücklich verirrt, lautet der Titel dieser gebundenen Poesie; Normal und sterblich, Liebe und Schulden hießen ihre Vorgängerinnen. Der Liebe Pilgerfahrt ward Muggenthalers Ausstellung 1992 im Münchner Stadtmuseum von ihm geheißen. Doch wäre die Liebe und deren Pilgerfahrt allein nicht schon genug, der Oberammergauer (* 1955) mit der Physiognomie eines toskanischen Landmannes und der Aussprache des Wurzellosen setzt noch einen drunter: Photographische Schautafeln zur Seelenforschung.

Wie's da drinnen aussieht in der psychischen (physischen?) Beschaffenheit des Trinkenden Kosmonauten (1992) mag vordergründig die Wodka-Flasche mit dem ihr beigestellten Glas belegen, und auch die geröteten Augen könnten Zeugnis andeuten, Tränen der Trauer geflossen sein, Psyche ihn gemartert haben. Oder aber doch eher der Muggenthalersche Blick auf die Konstante des Ereignislosen: «Mächtig steht die Frage auf, wie dem Tag in die Knie zu verhelfen ist. Früher war das anders, da waren die Tage nicht so lang. Ungefragt vergingen sie wieder. Was bietet das Leben an Spannung, nicht viel. Die Dramaturgie ist schlecht, und wo man hinsieht Längen, fürchterliche Längen!»6 Frage? Antwort? Ach Einstein. Nehmen wir doch einfach dein E=mc2 in den schlichten (Volks-)Mund — alles ist relativ.

Wo die einen den (runden) Kopf benutzen, um Gedanken ohne jede Pause klingelnd und klimpernd die Richtung ändern zu lassen, flaniert7 Muggenthaler kreisend in ihm und löckt wider den Stachel8 von Ariadnes Flucht-Tragödie. So bestätigt der Künstler (Muggenthaler) sich und den Philosophen (Blumenberg), der meint, «Leitfäden, deren Enden niemand gesichert hat, haben etwas Artistisches». Aber Muggenthaler bedeutet seinen «Gängern im Ungewissen»9, daß sie nicht fürchten müssen, sich zu verlieren, denn schließlich wisse er, der Künstler, doch, in wessen Händen Ariadnes Blaues Band liege. Verwirrend sicher also legt Muggenthaler die Anfänge seiner Fäden (überall hin), und in verblüffender Logik schweben die Enden immer zu ihren vagen Auflegepunkten (und des Philosophen Mahnung) zurück. — Ob es mit dem Wort beginnt und mit dem Bild endet und umgekehrt bzw. beide ein voneinander unabhängiges Da-Sein führen, immer entsteht ein Bild aus Wörtern, fügen sich Wörter zu Worten zu einem Bild zusammen — und geraten so zu jener Consommée, in der reine Vielfalt köchelt. Der neumediale Fast-food-Koch nennt diese Kunst-Ur-Suppe «Crossover».

Der Poesie — ob der sprachlichen oder bildnerischen — inne wohnt die Sehnsucht: nach einer Abkehr — vom schieren Verstand. Doch wider den falsch verstandenen Part, den die Romantik im Streben des jeansuniformierten Individuums nach nostalgischer Absonderung verordnet bekam, läßt die Bild-Sprache Muggenthalers im Gefolge von Jean Paul oder E. T. A. Hoffmann oder, wenn auch weniger schmerzhaft, Jochen Gerz in sich sezierend die Saiten schwingen: Das Sehnen nach diesem anderen Zustand wird überdehnt — bis zum fröhlich-befreienden Bersten. Denn nicht dorthin, wo die Esoterik als das Wissen Eingeweihter um die Geheimnisse entkernt und mit verquaster Tümelei, der Billigdroge Sinnentleertheit aufgefüllt wurde, will der Stein. Der will zurück zur Schleuder.10

Nach Kythera in Adriapolis
Ich führe gern in ein Land, wo es mich noch nicht gibt. Des sehr frühen Romantikers11 Antoine Watteau Einschiffung nach Kythera von 1717 macht die Landschaft weit, und dessen Nachfahrer Muggenthaler setzt sein Schiff dazu — als Wehmut-Spritzer auf die Breitwand der Sehnsuchtsindustrie. In vertrackter grammatikalischer Korrektheit assoziiert er es mit einem quasi-poetischen Hymnus an die Ferne. Beide sind bekannte Bilder. Beide haben sie ihre ureigene Gültigkeit, sowohl in ihren originären Bedeutungen als auch in der jeweiligen Okkupation durch die Fremdenverkehrswirtschaft. Das an maritimem Gestade gemach aufs Wasser wartende Schiff, das von der See hinausgeführt werden will ins Endlose. Das unter südlicher Sonne geduldig seines Passagiers harrende Schiff, das ihn hinausführen soll aus seiner ballermannischen oder seiner hochkulturüberheizten Tristesse hinaus in die klimafreie Zone. Gelagert ist dieses Denk-Mal auf dem Sand einer Fernsucht, in den Myriaden von Träumereien Eier legen; wie weit solche Gedanken fliegen und wie wahr sie in der Wirklichkeit dieses Begehrens sind, weiß man aus der Zeit, als man solches noch gelesen oder davon gehört hatte. Fixiert ist das scheinbar seefahrtsbereite Rückbesinnungs-Teil also auf einem Glauben, der von der Aphorismus-Vermarktung in den Rudimentär-Ganglien verankert worden ist. Lediglich das Schemenhafte dieses ungewohnt korrekten Konjunktivs — mit ihm gerät die Sicherheit dann doch ein wenig aus dem Lot der ansonsten wohl berechtigten Vermutung, es könnte sich dabei um Sprache handeln. Beide, Bild und Wort, fahren also (gemeinsam) los, wenn sie denn losfahren. Am Ziel, endlich: der Rezipient. Als Hase.

Denn dort steht bereits Johannes Muggenthaler, das von Freundin Ariadne geborgte und flatternd fliehende Zielband in der Hand. Beschriftet hat er es einmal mehr in seiner eigen-artigen Dicht(er)-Sprache: «Du grüßt jeden, aber du kennst keinen», ‹veredelt› noch im Titel Sich suchen, nichts finden ... (2000; oben). Er zeigt die Hoffnung im überreifen neunten Monat — einer Scheinschwangerschaft: Du wirst immer mehr ... (1984). Als böte Der Austausch von Geschenken zwischen Mensch und Tier (1989) ein Loch, in der die brennende Sehnsucht Kühlung fände. Auch eine Taube ist ja nur ein Mensch. Auch sie will anders(wo) sein. Aber ach: Selbst der Um-Weg als Ziel bietet keine Heimstatt des Seins.

Muggenthaler ist ein zauberhafter Lügner, der sich Wahrheiten aus dem Mythenfundus der Antike geborgt und zu seinen verwandelt hat. Von solcher Bande lernt man Wunder. Theseus lieh ihm das Garnknäuel, gleichwohl Ariadne einen anderen (immerhin Dionysos) nahm; doch wie sehr er, der Künstler, sie nach wie vor lieben muß, belegen zahlreiche photographische Portraits von eindringlicher Anmut (die ja bekanntlich außen als Schönheit aufblüht). Die Töne in die Lage der Königin der Nacht zu ziehen, das haben ihm Odysseus' Lock-Vögel beigebracht. Aus diesem Akt hat der Dramatiker auch gelernt, die Sinnesorgane so zu wachsen, daß sogar Alarmanlagen keine Töne mehr haben. Ihm selbst kann nichts geschehen, hat er sich doch am Mast der Kunst selbst fest verzurrt. Und die Mimikry, die hat er von denen, die uns die lingua franca (auch die des feinziselierten Humors) gespendet haben. Wie diese Orchidee, die als Wespe die Wespe betört, bedient er sich der Lust als sinnvoller Täuschung. Und die dient schließlich (auch) der Vermehrung — seiner Zwitterwesen, die selbst nie die Erkenntnis preisgäben, sie gehörten einer Gattung an: Bild oder Wort. Jeweils ein Eigenleben führen sie, wie das Weibliche beziehungsweise Männliche im jeweiligen Geschlecht, das bereits in sich selbst sich verirrt. So sind sie immer jene (nicht-moderne) Poesie, wie sie nur der Romantiker hervorbringt, der nach ihr nicht fragt, dessen Hoffnung(slosigkeit) sich trägt in seinem Wehmutslied durchs optisch heruntergekommene Adriapolis (Serie, 1998), das auch Jesolo oder Rimini heißt und in dem es dem Tenor der Schönheit die Sinne umschlägt: «Weil man sich öde geworden ist am alten Ort, weil man das Bekannte kennt bis zur Unkenntlichkeit, bis zur Gewohnheit. Hier aber, alarmiert von den Gefahren und Lockungen der Fremde, erwacht das Selbst und fühlt sich besonders.»12 Und so singt der Künstler dann die Mimikry des eig'nen Sinns.

In einer seiner beiden komischen Tragödien Normal und sterblich ist es vermutlich Muggenthaler, der sich Nietsche heißt. Diesen seinen Genius läßt er flehen, es müsse «doch eine Grenze sein zwischen Sein und Nichtsein». Doch da das Sein am Firmament den Kopf sich stößt, läßt der romantische Poet die Suche sein.


Anmerkungen
1 Blumenberg, Hans: Ein MacGuffin, in: Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt am Main 2000, S. 96
2 Dazu Blumenberg: «Der ‹große Theologe› zeichnet sich aus nicht durch die Fragen, die er stellt, vielmehr durch die, die er verhindert. [...] Beantwortung und Verhinderung der Frage müssen ineins gehen, verwechselbar werden.» In: Vorsicht im Umgang mit Engeln, a. a. O., S. 115
3 Romantik: «1694 erstmals in Frankreich, 1698 erstmals in Dtl. belegt, bezeichnete [zunächst] die Pathoswirkungen einer wilden Landschaft, bis [sie] schliesslich Jean-Jacques Rousseau zum Ausdruck der Einheit von landschaftl. und seel. Qualitäten diente und die Begründer der romant. Bewegung es zur Bez. des höchsten Kunstprinzips erklärten [...].» (Brockhaus-PC-Bibliothek); weltanschauliche Bewegung gegen den Rationalismus
4 Roman von Ernst Jünger, in dem sich der ‹Anarch‹ aus der ungeliebten Gesellschaft gräbt; Stuttgart 1980
5 Landfester, Ulrike: J. M., Wie man sich glücklich verirrt. Waldgeschichten, Laubacher Feuilleton Nr. 15, München 1995, S. 12
6 Muggenthaler, Johannes, Normal und sterblich. Zwei komische Tragödien, Hamburg 1984, S. 19
7 «Flanieren ist [eben] keine Beschäftigung für Freizeit-Konsumenten», meint Claus Koch; Süddeutsche Zeitung v. 2. März 2001, S. 16
8 Wider den Stachel löcken: eine Sache be-, antreiben (früher: den Ochsen); Kluge, Etymologisches Wörterbuch, Berlin/New York 1999 (23. Aufl.), S. 509
9 Blumenberg, Hans: Der Holzweg zu den Quellen, a. a. O., S. 86
10 Der Stein will zurück zur Schleuder: Titel einer Arbeit von Jochen Gerz, von dem auch die Äußerung stammt: «In der Natur sehne ich mich nicht nach der Natur.»
11 Wobei hier nicht die historische Epoche (s. Anm. 3) gemeint ist, die den Menschen nicht erhöht, sondern in der Natur verkleinert; wie das in vielen Gemälden von Caspar David Friedrich deutlich wird. Hier zielt es auf denjenigen ab, der meint, die Natur käme seinen Sehnsüchten entgegen, habe ihr entgegenzukommen, ggf. im französischen Sinn von Civilisation, der im Deutschen Kultur genannt wird; der Begriff Romantik wird heute auch weitgehend (wieder?) so gewertet, zumindest umgangssprachlich bzw. in breiteren Bevölkerungsschichten. Siehe auch Anm. 10.
12 Muggenthaler, Johannes, in: Informationsblatt zur Ausstellung in der Galerie Mosel & Tschechow, München, Dezember 2000 — Januar 2001

Der Autor ist Gründungsherausgeber von Künstler — Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst (seit 1988), betreute bis 2006 verantwortlich dessen Redaktion und ist nun als Kunst- sowie Kulturpublizist tätig (Mitglied von aica, Internationaler Kunstkritikerverband). Er lebt in Hamburg und im südfranzösischen l'Estaque.

Künstler — Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 54, München 2001

© Für den Text: Detlef Bluemler und Zeitverlag (ehemals WB-Verlag);
für die Muggenthaler-Abbildungen: © Johannes Muggenthaler

Der Text ist unter dem Titel La poésie aime le mimétisme — Les fleurs du Beau auch in französischer Sprache erschienen.

Siehe auch:
Mosel und Tschechow
Magie oder Maggi
Normal und sterblich
Liebe und Schulden
Wie man sich glücklich verirrt
Regen und andere Niederschläge
Der Idiotenhügel

 
Di, 17.11.2009 |  link | (3177) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Bildende Kunst






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